Der Malmesbury-Report:

Von Lolls-Läufern mit britischem Humor und einer jungen Städtepartnerschaft, die sich Jahr für Jahr vertieft

Ein Besuchsprotokoll von Friedrich Roeingh

 

Diana spielt gleich bei unserer ersten Begegnung im Hersfelder Irish Pub ihren britischen Humor aus: "We are the drinking club with the running problem - Wir sind der Trinker-Club mit dem Laufproblem" gibt sie zum Besten. Die Frage war, was eigentlich den Malmesbury Jackdaws Running Club ausmacht? Die sieben mitgereisten Mitglieder des Lauf-Clubs sorgen dafür, dass die Malmesbury-Delegation zum Lullus-Fest diesmal gleich in doppelter Stärke angereist ist. Und die Läuferinnen und Läufer - allesamt keine Juniors mehr - stehen bzw. laufen am Sonntag dafür, dass Malmesbury beim Lolls-Lauf über 10 Kilometer eine richtig gute Figur macht. Winston Churchills Maxime "No Sports" scheint bei den Partnern aus dem Südwesten Englands gründlich in Vergessenheit geraten zu sein.

 

 

Die überzeugendste sportliche Leistung legt der vormalige Mayor der Partnerstadt, Steven James, hin: Der Ü-60er läuft als erster der Gäste ins Ziel ein und landet gar im ersten Fünftel des Gesamtklassements. Chapeau bzw. Bowler Hat. Und das nach einer stressigen, zweitägigen Autofahrt, die die Läufer im Gegensatz zur offiziellen Delegation der Malmsburyer Stadt-Repräsentanten auf sich genommen haben. Da haben sich die Vertreter des "Drinking Club with the running problem" die Weine und Biere beim ersten fröhlichen Abend mit den Partnern in Bad Hersfeld redlich verdient.

 

 

Beim letzten Lolls-Besuch der Engländer war Steven James noch der Mayor von Malmesbury. Die Verwirrung über die jährlichen Bürgermeister-Wechsel in England führt uns zu einer Schnellkunde in britischer Kommunalpolitik: Der Mayor ist ein reines Ehrenamt. Jährlich wird ein neuer Vertreter aus der Mitte des Rates zum Repräsentanten der Stadt gewählt. Aktuell ist es Robert Hastings, der die Delegation aus Malmesbury mit schwerer Bürgermeisterkette anführt und der sich - tapfer, tapfer - ebenfalls den Lolls-Lauf abgequält hat (zum Glück war die Bürgermeisterkette beim Lauf nur aufs T-Shirt gedruckt). Die eigentlichen Geschäfte führt allerdings die Townclerk, die Verwaltungschefin im Rathaus, die in vielen Angelegenheiten auf Weisung der Zentralregierung in London agiert. Claire Mann ist die Konstante der Delegation. Sie ist schon zum dritten Mal auf dem Lullusfest in Hersfeld dabei. John Fairhurst, Chairman der Twinnings Association von Malmesbury, also der Koordinator aller Städtepartnerschaften der englischen Kleinstadt, komplettiert zusammen mit dem Group-Leader für Bad Hersfeld Stefano Vandelli die Riege der ranghohen Gäste

 

 

Am Montagmorgen steht natürlich auch für Briten das Entzünden des Lullusfeuers auf dem Programm. Schließlich macht das Feuer die tiefe historische Verbindung zwischen Bad Hersfeld und Malmesbury deutlich. Wobei in Hersfeld deutlich bekannter ist, dass Kloster- und damit auch Stadtgründer Lullus ein ursprünglich englischer Mönch aus dem Kloster Malmesbury war, der Bonifatius nach Mainz folgte, 754 sein Nachfolger als Bischof wurde und das Kloster in Hersfeld zur fortschreitenden Christianisierung des deutschsprachigen Raums begründete. Dass das Lullusfeuer auf die ersten Pilgerfahrten nach Hersfeld zum Todestag Lullus' im Jahr 850 zurückgehen, dass das älteste deutsche Volksfest auf das Pilgerfeuer auf dem Hersfelder Marktplatz Bezug nimmt, all das ist im ebenfalls uralten Malmesbury bis heute nur einem kleinen Teil der Bevölkerung bekannt. Umso engagierter arbeiten die Friends of Malmesbury und ihre Freunde in Malmesbury daran, dass sich das Schritt für Schritt ändert.

 

 

Mit dem Festumzug folgt der nächste Höhepunkt. Die Freunde aus Malmesbury und ihre Hersfelder Friends dürfen den riesigen Festumzug gleich nach der Bürgermeisterin, dem Landrat, den Feuermeistern, den politischen Ehrengästen und dem Hersfelder Stadtvorstand mit anführen. Im Angesicht des langen Lindwurms und den Zehntausenden am Straßenrand können die Engländer, die das erste Mal dabei sind, nur  staunen. Das sei alles gar nicht verleichbar mit dem deutlich kleineren Carnival der deutlich kleineren Partnerschaft, gibt Mayor Robert Hastings dem Mitläufer zu Protokoll. Der Carnival sei übrigens kein klassischer Karneval wie in Deutschland, was ja auch gar nicht zum Herbst passen würde. Eher eine Art Erntedank im agrikulturell gesprägten Malmesbury. Je nach Jahresmotto spielten Kostümierungen und Klamauk gleichwohl eine Rolle.

 

Auf der Strecke ist auch genügend Zeit, dem Ursprung der Jackdaws nachzugehen, nach denen nicht nur der Running Club benannt hat. Die Jackdaws/die Dohlen sind das Synonym für die Malmesburyer - so wie die Hersfelder die Mückenstürmer sind. Für die Herkunft des Begriffs gibt gleich es mehrere Deutungen. Die wahrscheinlichste lautet: Dass die Malmesburyer schon im Mittelalter oder auch erst in der Neuzeit nach den siedlungsbegründenden Mönchen als Jackdaws bezeichnet wurden.  Am Ziel angekommen, staunen die Gäste, wieviele Gruppen und Wagen ihnen noch folgen und dass die Teilnehmer nach hinten raus immer jünger und lauter werden: "Enner, zwoon, dräi - Bruuuuuder Lolls!"

 

Nach dem Festumzug werden die Gäste von der Hersfelder Stadtspitze im "Stern" bewirtet. Für die Hersfelder Großzügigkeit spricht, dass die Stadt als Gastgeberin nicht zwischen den offiziellen Ehrengästen und den Lolls-Läufern vom Running Club unterscheidet. Unter den knappen Kassen darf im Zweifel alles leiden, nur bitte nicht die Gastfreundschaft. Danach geht es ins bunte Treiben der Bierzelte und Fahrgeschäfte. Ob Diana und Nicky noch den Tipp des Autors dieser Zeilen umsetzen konnten, für die Rückfahrt ein paar Kisten deutschen Weißwein im Discounter zu erstehen (die in Hersfeld halb so teuer sind wie in Malmesbury), ist leider nicht überliefert. 

 

Während die Läufer am Dienstagmorgen mit ihren Privatfahrzeugen wieder gen heimat aufbrechen, führenn die Friends of Malmesbury die offizielle Delgation zu einem Ausflug nach Ziegenhain imn der Schwalm aus. Das legendäre Hotel Rosewngarten ist ein Fachwerkjuwel und lohnende Einkehr in einem. Bei ihrem Besuch lernen die Gäste, dass die Festung Zeigenhain militärisch nie besiegt wurde. Mit der Einschränkung, dass am Napoleon den Ort ohne Kampf übergeben habe. Ein Waterloo habewn die Heswsen halt nicht vorzuweisen.Die Trachten der Schwalm erinnern die englischen Gäste nicht zufälliog an Rotkäppchen. Womit auch die historische Brücke zu der Brüder Grimms Märchenwelt geschlagen wäre. Dagegen muss bezweifelt werden, dass die aufgetischten schwälmer knödel - wahlwqeise mit Roter Wurst und Lauch gefüllt - auch schon zu Grimmszeiten so nahrhaft waren,

 

Am Dienstagabend steht der Lolls-Presseschoppen der Hersfelder Zeitung auf dem Programm. Im buchcafé begrüßt Chefredakteur Kai Struthoff - Malmesbury-Fan erster Klasse - Mayor Hastings und die britischen Gäste besonders herzlich. Der gesellige Abend gibt vielen Vertretern der Stadt und der Region Gelegenheit, in den Austausch mit den Gästen aus der Partnerstadt zu kommen. Da am Mittwochmorgen auch für den Bürgermeister und seine Begleiter schon wieder die Abreise aus Hersfeld geplant ist, geht es anschließend noch einmal aufs Volksfest. Im "Gänseliesel" fischt Stefano Vandeli, der bei der Twinnings Association explizit für die Partnerschaft mit Bad Hersfeld zuständig ist, Fotos von seinem ersten Hersfeld-Besuch 2018 aus dem Handy-Speicher. "Look, your former mayor Thomas Fehling", sagt Stefano beim Wischen durch die Bilder. "Look", erwidert der Vorsitzende der Friends of Malmesbury, Thomas Bös: "Thomas Fehling over there." Es entspinnt sich ein fröhliches Wiedersehen, wie es typisch für das Hersfelder Lolls ist, und das nur mit einem weiteren Bier begossen werden kann.

 

 

Am Mittwochmorgen, bei der Abschiedsfahrt zum Flughafen Frankfurt, werden zwischen den Friends of Malmesbury und den Freunden aus Malmesbury die weiteren Ideen zur Vertiefung der jungen Städtepartnerschaft besprochen. In der Woche vor Ostern ist eine Busfahrt der Hersfelder nach Malmesbury schon konkret terminiert (20.3. bis 26.3.2027). Im Sommer soll dann endlich die Hersfelder Jugendfeuerwehr ihren lange geplanten Trip in die englische Partnerschaft antreten. Bei diesem Besuch sollen auch weitere Ideen zu mehr Kontakten zwischen Schülern aus Bad Hersfeld und Malmesbury gesponnen werden. Außerdem soll Heinz-Jörg Kretschmer, der Vorgänger von Thomas Bös und heutige zweite Vorsitzende der Friends of Malmesbury einen Vortrag zu Lullus und der Geschichte der Stadt Hersfeld in der englischen Partnerstadt halten. Damit sich auch in Malmesbury das Bewusstsein für die historisch begründete Partnerschaft vertieft. Auch die Zusammenarbeit auf musikalischer Ebene soll in den nächsten Jahren Thema werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Friedrich Roeingh und Thomas Bös

 

Und wie lautet das Fazit von Thomas Bös, dem aktuellen Vorsitzenden der Friends? "Herfelds Beziehungen zu Malmesbury entfalten sich Schritt für Schritt weiter. Unser Verein freut sich über eine wachsende Zahl an Mietgliedern. Nun kommen wir in eine Phase, in der wir auch inhaltlich stärker miteinander arbeiten und die Städtepartnerschaft vertiefen wollen.“ Dabei kommen auch Themen zur Sprache für die das Meinungsspektrum sowohl der einen als auch der anderen Seite durchaus nicht immer einheitlich ist. Genau die sorgt für ein vertieftes Verständnis für den jeweiligen anderen. Auf geht's - let's go.

 

Friedrich Roeingh

Lullus verbindet

Das Freundschaftsabkommen / Friendship Charter und die Städtepartnerschaft zwischen Bad Hersfeld und Malmesbury

 

Lullus war Mönch im Benediktinerkloster von Malmesbury und ging mit Bonifatius als Missionar nach Germanien. Dort gründete er 769 n. Chr. das Benediktinerkloster in Hersfeld als Gegenkloster zu Fulda. 775 wurde das Kloster durch König Karl (später Kaiser Karl der Große) zur Reichsabtei erhoben.

 

Aufbauend auf dieser speziellen Verbindung durch Lullus haben die beiden Städte Bad Hersfeld und Malmesbury 2016 ein Freundschaftsabkommen / Friendship Agreement und 2024 eine Städtepartnerschaft beschlossen, die nun als Grundlage für die weitere Entwicklung unserer Beziehungen dient.

 

Die offizielle Urkunde des Freundschaftsabkommens zwischen Bad Hersfeld und Malmesbury wurde von den beiden Bürgermeistern am 2. September 2016 in Malmesbury und am 11. Oktober 2016 in Bad Hersfeld unterzeichnet.

 

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